Lykke Li – I Never Learn [2014]

Lykke Li – I Never Learn

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Als Lykke Li 2008 mit ihren Youth Novels auf den Plan trat, verkörperte sie eine verniedlichte Form der Melancholie: sensibel, missverstanden, aber mit der eigenen Naivität bereits im Titel kokettierend. Der Nachfolger Wounded Rhymes brachte mit Wucht die Düsterness. Dort wird Prostitution zur feministischen Metapher, Phil Spector zum Medium für eine positive Personifizierung der Trauer gemacht und der Sehnsucht ihr soziopathisches Potential eingeräumt – ein kleiner Meisterstreich der jüngeren Popgeschichte.

I Never Learn, die dritte LP, stellt nun einen Emanzipationsversuch der Schwedin dar. Zwar ist ihre Schwermut ausgeprägter denn je zuvor, doch Li verniedlicht nichts mehr. Stattdessen sucht sie die große Geste. Der Weg, den Sadness Is a Blessing eingeschlagen hat, wird weiterverfolgt, Songwriting und Arrangements noch stärker in die Traditionen der pompösen Seite des alten amerikanischen Pop gestellt. Doch wo auf besagtem Wounded Rhymes-Track mit der Naivität des Teenagers agiert („Sadness is my boyfriend“) und seinem überaffektierten Gestus so eine spielerische Note verliehen wird, nimmt eine Nummer wie Gunshot eine seriösere, ungebrochene Perspektive ein, die einen inneremotionalen Konflikt charakterisiert, ohne ihn außeremotional greifbar zu machen.

Mit diesem Konzept läuft Li Gefahr, sich im Drama zu übernehmen und dem Reiz der Mélange aus Melancholie und Melodie bei allen egozentrischen Schmerzbekundungen (nicht, dass diese bereits in sich ein Laster wären) den Raum zum Atmen zu nehmen. Ähnlich wie auf Tegan and Saras Heartthrob (noch eine Gemeinsamkeit: Greg Kurstin ist an beiden Platten beteiligt) werden hier jugendliche Emotionen aus einem erwachseneren Blickwinkel präsentiert. Der Unterschied ist der, dass die Kanadierinnen die Naivität des Teen-Pop vernachlässigten, aber seine spielerische Note beibehielten. Lykke Li macht es genau andersrum. Damit verbunden ist die im Titel angedeutete Unbelehrbarkeit der tragischen Heldin, die sie in jedem der Songs mimt. I Never Learn sucht Abschluss und Permanenz gleichermaßen.

Diese Herangehensweise ist nicht uninteressant und beschert I Never Learn einige hervorragende Momente, die bei einer Spieldauer von 32 Minuten auch schwer wiegen. No Rest for the Wicked ist so groß, wie es der Titel klingen lässt, das in dem Song mitklingende Schuldeingeständnis der Herzensbrecherin legt die Frage offen, ob sie denn nun dem verlorenen Partner hinterherweint oder sich selbst – ein Beispiel für eine gelungene egozentrische Pop-Persona. Für weitere Höhepunkte sorgt der spärlich arrangierte, Overdubs sei Dank trotzdem orchestral wirkende Titeltrack sowie Love Me Like I’m Not Made of Stone, das den richtigen Ton zwischen Selbstbewusstsein und Zerbrechlichkeit findet.

Als Songwriterin greift Li auf auffällig wenige Tricks zurück. Gerade in Verbindung mit der überpräsenten Trauer und ihren übertreibenden Darstellungen rächt sich das. Klischees – im Repertoire der besten Songwriter sehr ergiebige Stilmittel – werden zweit- und drittverwertet. „Baby, can you hear the rain fall on me / Never gonna love again / Baby, can you hear my heart cry tonight / I can’t keep running away“ – Zeilen wie diese finden durch die Abwesenheit eines außeremotional fassbaren Spielraumes keinen Ansatz, um sich zu etwas zu entfalten, das mehr ist als kitschige Metaphorik. So leidet I Never Learn an zu viel emotionaler Quantität bei zu wenig kreativer Qualität.

Im Interview mit dem NME beteuerte Li Anfang des Jahres, dass sie sich mehr als Singer-Songwriterin sehe denn als Popkünstlerin. Dieses Statement geht Hand in Hand mit ihren Bemühungen, sich von ihren Indie-Pop-Tagen zu lösen. Doch erinnert man sich an Wounded Rhymes zurück, wird klar, dass derartige Schritte bereits gegangen wurden. Verniedlicht wurde darauf nur noch, um die Ambivalenz der düsteren Thematiken zu verdeutlichen: eine unterhaltsamere Herangehensweise an die Eigenemanzipation, und eine cleverere. I Never Learn versucht, selbiges zu erreichen, liefert dabei erinnerungswürdige Momente, lässt aber die Rafinesse vermissen, die es für längeren Atem benötigt.

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