Pet Shop Boys – Love etc. [2009]

Pet Shop Boys – Love etc.

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Dieser Text ist ein Ausschnitt aus meinem Artikel Che Guevara and Debussy to a Disco Beat, der erstmals in der aktuellen Ausgabe (#7) des get happy!?-Magazins veröffentlicht wurde. Darin beschäftige ich mich anhand vier ihrer Singles mit der Ausnahmestellung der Pet Shop Boys zwischen Charts und Subversion. Neben Love etc. widme ich mich darin noch West End GirlsRent und Left to My Own Devices. Neben einem weiteren Text meinerseits (über das Debütalbum der Ramones) findet man darin u.a. allesamt lesenswerte Artikel über Joanna NewsomN.W.A., die Beach BoysJack Kerouac und die Filme Sofia Coppolas. Das Heft ist hier erhältlich.

[…] Dialektik ist auch das passende Stichwort für Love etc.. Nach einer Reihe schwächerer Alben markierte das 2009 veröffentlichte Yes die Rückkehr der Pet Shop Boys zu alter Form. Von der britischen Hitschmiede Xenomania um Brian Higgins und Miranda Cooper produziert, brachte es den PSB-Sound auf die Höhe der Zeit, während Neil Tennant und Chris Lowe wieder wundervolle Pop-Songs komponierten, denen die Balance zwischen Zugänglichkeit und Anspruch besser gelang als zuvor auf Fundamental (2006) oder Release (2002).

Mit Love etc. traf die Wahl der ersten Single den bestmöglichen Track. Für sich genommen wirkt der Text erst einmal hoffnungslos naiv. Materielle Luxusgüter werden als unnötig bezeichnet, schließlich sei das einzige, was man im Leben wirklich brauche, ja die Liebe. Das erinnert an die Gegenkultur der Sechzigerjahre, derjenigen Dekade also, die eine Bewegung sah, die in der Massenkultur eine Möglichkeit zum Umbruch erkannte und ihren subversiven Anspruch ganz direkt ausformulierte: „Make love, not war“. Im Prinzip veranschaulicht Love etc. ihr Scheitern. Es ist vor allem die musikalische Umsetzung, die verrät, dass es um mehr geht als ein bloßes „You need love“: Der Track beginnt mit einem stampfenden Rhythmus, eine synkopierte Synthesizer-Melodie schiebt sich zwischen die Beats, mantraartig wiederholt ein tiefer Chor einstimmig die Worte „You need more“.

Die Atmosphäre, die hier aufgebaut wird, weckt nicht wirklich Assoziationen von postmaterialistischer Zwischenmenschlichkeit, eher ist sie statisch und kühl. Auch der Chor wirkt uniformiert, sein „You need more“ wird zum Befehl. Da passt es ins Bild, dass der Großteil der Lyrics aus Imperativen besteht, die Tennant mit dem Chor zusammen im Call-and-Response-Prinzip vorträgt. Der Refrain besteht aus einer Aufzählung an Dingen, die man gar nicht brauche, um glücklich zu sein. „Don’t have to be“ oder „Don’t have to have“ schmettert der Chor und Tennant fügt hinzu, was es so alles ist, was für das eigentliche Glück unnötig sei. Ein schnelles Auto etwa, oder ein Haus in Beverly Hills.

Anders ist das in der Strophe, die quasi die Zielgruppe vorstellt, an die der restliche Text gerichtet ist: „Boy it’s tough getting on in the world / when the sun doesn’t shine and a boy needs a girl / It’s about getting out of a rut, you need luck / but you’re stuck and you don’t know how”. Hier wird ein Pop-typisches Szenario gezeichnet: Die Welt wirkt grau, ein Junge sehnt sich nach einem Mädchen und irgendwie versteht er seinen Weltschmerz noch nicht so ganz. An dieser Stelle setzt moderne Popmusik – von I Want to Hold Your Hand bis Blank Space – an, indem sie sich als Identifikationsmittel anbietet. Ursprünglich war das noch verpönt: Jugendliche hatten möglichst schnell erwachsen zu werden, sich anzupassen und produktiv zu sein. Popkultur hingegen nahm sie ernst, förderte ihre Selbstentfaltung und forderte so den Status Quo heraus. So fungierte sie über die Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts als Gegenkultur, ehe sie in den Sechzigern endgültig die Oberhand gewann.

Doch der Kapitalismus ist anpassungsfähig und so wurde der Siegeszug des Pop gleichzeitig zu seiner Niederlage. Er wurde in das System eingebunden und die Selbstentfaltung zu einem bestimmenden Faktor der Massengesellschaft, wovon nicht nur zahlreiche trendbestimmende Lifestyle-Magazine zeugen. So leben wir nun also in einer Zeit, in der sich die Werbekampagnen großer Konzerne bemühen, uns zu vermitteln, wie unsere Selbstentfaltung von ihren Produkten profitieren könnte. Paradoxerweise soll uns der Konsum dieser Produkte verdeutlichen, dass es im Leben um mehr geht als bloßen Materialismus. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch der Zynismus hinter der doppeldeutigen Zeile „Too much of everything is never enough“. Die logische Schlussfolgerung: „You need more“. So wird noch mehr Überfluss zur Lösung für den Überfluss. Natürlich gilt diese Lösung für alle, schließlich soll man ganz man selbst sein können. „Don‘t have to be beautiful“, wird laut skandiert. Süffisant fügt Tennant hinzu: „but it helps“.

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