Scott Walker. 1943-2019

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Man kennt das Klischee: Ein junger Künstler am Anfang seiner Karriere macht unerschrocken kompromisslose Musik, kriegt dafür Anerkennung, ein größeres Publikum, versucht, diesem gerecht zu werden, geht mehr und mehr Kompromisse ein… „Fuck that shit“, wird Scott Walker sich einst gedacht haben, und hat einfach alles andersrum gemacht. Anfang 20 wurde er mit den Walker Brothers (die weder Brüder waren noch wirklich Walker hießen) zum Teen-Idol, ihr Image war brav und harmlos, obgleich die Melancholie, deren Abgründe er bis zu seinem Lebensende ergründen sollte, auch hier schon in einigen Stücken angelegt war. Als Solokünstler widmete er sich dann vier Alben lang der dunklen Seite des Chanson, mal in Neuinterpretationen von Jacques Brel-Stücken, mehr und mehr auch in Eigenkompositionen, der vierte Teil stammte komplett aus seiner Feder. Für ein Teen-Idol in den 1960ern ist das schon auf dem Papier beachtenswert, aber boy, WAS für Songs er da bereits geschrieben hat, die abgeklärte Melancholie eines älteren Mannes im Körper eines Mitt-20ers:

Dann verschwand er von der Bildfläche, doch als er zurückkehrte, tat er das nicht, wie so viele, um mit seinen alten Hits noch ein paar Lorbeeren zu sammeln, sondern erfand sich neu als furchtloser Avantgarde-Künstler. Er lebte weiterhin zurückgezogen, seine Werke wurden undurchdringlicher und konnten einen im richtigen Moment doch richtig kalt erwischen. So zum Beispiel „Clara“, das sich in die tiefsten Abgründe der Menschlichkeit begibt und in 13 Minuten die Geschichte von Mussolinis Geliebter Claretta Petacci erzählt. Von Walker selbst als „fascist love song“ bezeichnet, begibt sich das Stück mitten in die Obsession der jungen Frau, die ihr ganzes Zimmer mit Bildern Mussolinis schmückte, als wäre er ein Popstar. Walker lässt ihren romantischen Fanatismus für den Diktator neben dem politischen Fanatismus des Faschisten stehen. Am Ende führt beides in den Tod: Clara weigert sich, von Mussolinis Seite zu weichen, obwohl ihr die Gelegenheit zur Flucht gegeben wird, ihre Besessenheit führt zu ihrem brutalen Ende. Walker spielt darauf an, indem er Clara in einem ruhigen Moment in Anlehnung an den alten Aberglauben, ein Vogel, der sich in ein Haus verirrt hat, kündige den Tod an, singen lässt: „Sometimes I feel like a swallow / A swallow which by some mistake / has gotten into an attic / and knocks its head against the wall in terror“. Dazu gibt es einen eigenartigen Percussion-Part: Man hört jemanden auf Schweinehälften einprügeln, eine dunkle Vorahnung: Claras leblosem Körper wird es bald ähnlich ergehen. Plötzlich heult ein ganzes Orchester auf, imitiert einen Fliegeralarm, Panik bricht aus. Das nächste Bild, das Walker uns gibt, ist das von ihrer blutüberströmten Leiche, „a cornhusk doll dipped in blood in the moonlight“. Da kehrt wieder Ruhe ein und wir befinden uns in einem ganz normalen Wohnhaus in der Gegenwart. Am Ende dieser durch und durch furchteinflößenden Viertelstunde nämlich öffnet Walker das Fenster, um einen Spalt Licht/Menschlichkeit ins Dunkel zu lassen. „This morning in my room“, erzählt er geradezu beiläufig, „a little swallow was trapped / It flew around desperately / until it fell exhausted on my bed / I picked it up / so as not to frighten it / I opened the window / Then I opened my hand“. Stille.

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