Blur – Go Out [Track, 2015]

Blur – The Magic Whip

**½

Er hat sich mit Noel Gallagher vertragen, eine Oper geschrieben (genaugenommen sogar zwei), mit zwei Mitgliedern des London Calling-Line-ups von The Clash auf der Bühne gestanden, nach zahlreichen Projekten letztes Jahr sein erstes Soloalbum veröffentlicht. Was kann man als Damon Albarn denn sonst noch tun, was bleibt noch übrig? Natürlich: Nach jahrelangem Hin und Her doch noch ein neues Blur-Album zu veröffentlichen.

Go Out ist keine Comeback-Single (das war Fool’s Day (2010)), sondern die Ankündigung von The Magic Whip, dem ersten Blur-Album seit Think Tank (2003), das bis auf seinen herzzerreißenden Closer Battery in Your Leg ohne Graham Coxon auskommen musste, der die Band während der Aufnahmen im Streit verließ. Damit ist es zusätzlich das erste Blur-Album seit 13 (1999), an dem der Gitarrist – maßgeblich an der beeindruckenden Überbrückung der Schlucht zwischen konsistenter Pop-Basis und Experimentierfreudigkeit beteiligt, die sie zu einem der besten Acts der letzten 25 Jahre gemacht hat – komplett mitgearbeitet hat. (Think Tank ist trotzdem deutlich besser als sein Ruf.)

Was das Kernduo AlbarnCoxon einst ausmachte, war, wie der Eine (Coxon) die Songs des Anderen (Albarn) nach vorne brachte. Albarns innerhalb von Blur ab 1993 nahezu konsistent gelungenes Songwriting wurde über Coxons Gitarrenspiel erweitert, manchmal komplimentär, manchmal konträr, also als Gegensatz. Ein gegenseitiges Sich-den-Ball-Zuspielen, das unter anderem zu Alben wie Parklife und 13 führte. Mit Dave Rowntree und Alex James haben Blur außerdem eine wandlungsfähige Rhythmusfraktion, die den Ideen der Kollegen nicht nur Raum bietet, sondern auch dafür sorgt, dass sie sich darin nicht verlieren, wie es Albarn in seinen anderen Projekten manchmal tut.

Dafür, dass Go Out die Aufgabe hat, das LP-Comeback einer der größten Bands der Neunziger einzuleiten, ist es ein erstaunlich unaufregender Song, kompositorisch ist er schwach. Albarns Lyrics bestehen aus naheliegenden Assoziationsreimen mit willkürlich wirkenden Wechseln des Reimschemas in jeder Strophe, die in keine weiterführenden Ideen eingebettet werden. Im Dienst der Leere, die der Song behandelt, hat er zusätzlich an einer Hook – statt nach einer zu suchen, die die Stimmung melodisch einfängt (wie etwa bei Fool’s Day) – einfach komplett gespart. Die Melodie ist komplett unmemorabel, das Langeziehen des Wortes „local“ im Refrain der halbherzige Versuch eines melodischen Wiedererkennungswerts. Albarns Gesangsperformance selbst ist so übertrieben lässig und – so kann man annehmen – bewusst gelangweilt, dass sie zum direkt negierten Pendant einer übertrieben gefühlsvollen Gesangsleistung verkommt. We get it, you’re bored.

Doch Go Out hat auch seine redeeming qualities, die nahezu ausschließlich beim wiederintegrierten Gitarristen liegen. Während Rowntree und James via eines Stop-and-Go-Basses zu statischen Viertelschlägen einen banalen, aber nicht unwirksamen, minimalistischen Grove produzieren, kommt Coxon die Aufgabe zu, diese Landschaft mit Leben zu füllen. Und mit Widerstand: Seine Gitarre wird zum Gegenspieler der starren Rhythmusmaschine hinter Albarns Lyrics, die von einer universellen Isolation erzählen, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Schlagzeug, Bass und Gesang fügen sich dem. Nur die Gitarre versucht, zu entfliehen.

Zu Beginn fügt sich Coxon noch. Kurz vor dem ersten Refrain wird die Gitarre plötzlich laut, merkt ihre Eigenständigkeit an. Im Refrain wird sie lauter, füllender. Sie setzt sich ab, und geht in der zweiten Strophe dazu über, das Grundgefüge in den Pausen immer wieder von der Seite zu attackieren. Nach dem zweiten Refrain scheint sich Coxon gefangen zu haben. Die Gitarre ist zwar immer noch präsenter als am Anfang, doch sie fügt sich wieder besser ein. Eine nur scheinbare Zähmung. Im letzten Refrain reißt sie sich los und macht sich daran, das Stück gänzlich zu zersägen. Im Outro hören wir sie sich immer noch wehren, bis der Track komplett abbricht, die Gitarre heult ein wenig nach, dann Stille. Ob das Kapitulation oder Sieg bedeutet, ist nicht ersichtlich; geschlossen wird mit einem Open End.

Blur kommen hier an einen für sie ungewöhnlichen Punkt: Die Band, die cleveren Pop wieder aufregend gemacht hat (eine Leistung, die nicht unterschätzt werden sollte), hat die Aufregung im Pop vergessen. Go Out ist ein schwacher Song, wenn auch kein reizloser Track. Am lautesten meldet sich Graham Coxon zurück, dessen Soloprojekte ungerechterweise nie die gleiche Aufmerksamkeit generieren konnten wie die von Damon Albarn. Der Mann ist einer der besten Gitarristen von bereits zwei Dekaden, denen jetzt die dritte hinzugefügt werden soll.

Albarn hingegen meldet sich recht lustlos zurück. Das könnte an seinem Hang zur Weiterentwicklung liegen. Er ist ein Künstler, der so umtriebig und neugierig ist, dass ihn seine Projekte längst aus der Komfortzone, die die westliche Tradition des Pop mit sich bringt (for the better and for the worse), gebracht haben. Diese Ausdehnung des kreativen Konzepts hinter einer Popband begann schon in den letzten Jahren von Blur, wo sie dafür sorgte, dass die Band kein Standing on the Shoulders of Giants aufnahm, sondern ein 13, und wurde mit den Gorillaz konsequent weitergedacht. Britpop macht Damon Albarn schon seit 1997 nicht mehr.

Eine der Fragen, mit denen das Blur-Comeback stehen und fallen könnte, würde demnach die sein, ob sie einen Weg gefunden haben, sich so wiederzuerfinden, dass die Rückkehr zu einer 27 Jahre alten Band für jemanden wie Damon Albarn nicht zum Rückschritt wird. Ansonsten besteht die Gefahr, dass dessen fortschreitende Entfernung vom Pop zum Stolperstein der Band wird, die ihn einst zur Popikone machte.

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