Blondie: Top 10 Tracks

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Von 1976 bis 1980 zählten Blondie zu den besten Bands der von ihnen mit eingeleiteten New-Wave-Ära. Mit beiden Füßen fest in klassischen Pop-Traditionen stehend, verbanden Debbie Harry, Chris Stein und ihre Mitstreiter die sich vom Brill Building bis zur British Invasion ziehende emotionale Naivität im Pop mit dem ungeschönten Rohheit der frisch aufkeimenden Punkszene New Yorks rund um das CBGB’s, zu deren Protagonisten die Band gehörte. Hier sind ihre zehn besten Momente:

10. In the Sun
Vielleicht hätten die
Beach Boys diesen Song geschrieben, wenn sie aus New York gekommen wären. 1976 auf dem selbstbetitelten Debütalbum erschienen und somit im rausten Gewand der Banddiskographie gekleidet, klagt Debbie Harry von ihrer Sehnsucht nach unbeschwerter Freizeit in der Sonne, während man sie förmlich irgendwo in der Bowery versauern hören kann. „Where is my wave?“, fragt sie am Ende. Sie sollte sie bald kriegen.

…vom Album Blondie [1976]

09. Atomic
Atomic
ist alleine im Sound schon das kosmetische Gegenstück zu In the Sun, dabei teilen beide Songs die Having-a-good-time-Thematik, die hier jedoch nicht ohne Twist ist. Mike Chapmans Produktion veredelt den Track durch die Weiterentwicklung des auf Heart of Glass angedeuteten, kantenlosen aber eleganten Discosounds, doch ist Atomic alles andere als ein braver Top-40-Hit: die einlullende Melodieführung und der oberflächlich erratisch wirkende Songaufbau sowie das offensive Schlagzeugspiel Clem Burkes transportieren Gefahr und Risikobereitschaft auf die Tanzfläche, und es ist sicher kein Zufall, dass der Song (aus rechtlichen Gründen als 1:1-Cover der Band Sleeper) prominent in Danny Boyles Verfilmung des Heroin-Romans Trainspotting platziert ist.

…vom Album Eat to the Beat [1979]

08. One Way or Another
Es ist mit gutem Grund, dass
One Way or Another zum wohl populärsten Track von Blondies gitarrenlastiger Seite geworden ist, denn es repräsentiert einen der besten Vorzüge des Œuvres der Band: Wenn näher inspiziert, ist vieles nicht so harmlos, wie es scheint. Die vierte Single des Parallel Lines-Albums ist eine leicht ins Ohr gehende Nummer, deren Rhythmus gar zu einem schnelleren Schunkeln einlädt – und die Sängerin klingt doch so schön keck! Oder doch eher psychotisch: One Way or Another ist eine Stalker-Hymne, in der Harry einer nicht weiter beschriebenen Person überall hin folgt. „One way or another / I’m gonna win ya / I’ll get ya! / I’ll get ya!“ – das ist kein Produkt von leidenschaftlicher Liebeslyrik, sondern eine Drohung.

…vom Album Parallel Lines [1978]

07. Denis
Hanging on the Telephone, get out of the way! Denis ist das definitive Blondie-Cover. Aus dem Titel des Originals der Doo-Wop-Gruppe Randy and the Rainbows wird das „e“ entfernt, damit aus der amerikanischen Denise der französische Denis wird. Denis‘ Ständchen ist schneller und roher als sein Vorbild, aber auch eingängiger, was vor allem daran liegt, dass Debbie Harry im Refrain hervorragend mit sich selbst harmoniert. Die französische Strophe ist übrigens improvisiert und würde keiner grammatikalischen Überprüfung Stand halten.

…vom Album Plastic Letters [1977]

06. In the Flesh
„Went walking one day on the Lower East Side…“: So irreführend eine naive Rezeption einiger
Blondie-Titel auch sein mag: Manchmal ist sie spot-on. Vor allem auf der ersten LP ist es die Naivität des klassischen Pop-Songs, die gepaart mit der Attitüde der gerade aufkommenden New Yorker Punkbewegung (Blondie war nach Horses und Ramones das dritte Debütalbum der Bands rund um das CBGB’s) den Charme ausmacht. In the Flesh könnte auch ein Stück aus dem Great American Songbook sein. Gleichzeitig ist es aber auch jugendlich, feminin und unverkennbar New York.

…vom Album Blondie [1976]

05. Heart of Glass
Heart of Glass war Blondies erster großer Schritt in Richtung Disco. Kontrovers diskutiert wurde das in der New Yorker Szene, als die Single durch die Decke ging. Doch die Kritiker übersahen, dass straighter Pop von Anfang an ein grundlegender Bestandteil des Bandkonzepts war. Die Frage stellt sich, ob die Argumentation, eine musikalische Wendung hin zum neuen Pop-Phänomen Disco sei ein Sell-out, während die Elemente der bereits vor New Wave ebenfalls im Mainstream etablierten Richtungen Beat und Girl-Pop okay waren, anders erklären lässt als durch schlichten Konservativismus – der Denkfehler einer Szene, die das Konzept der dem Erfolg überlegenen Obskurität überhaupt erst salonfähig gemacht hat. (Die Authentizitätsdebatte rund um Disco hat erst letzt einen interessanten Dreh durch das neue Daft Punk-Album bekommen, aber das ist eine andere Geschichte.)

…vom Album Parallel Lines [1978]

04. Picture This
Mit einer ähnlich überstilisierten Sicht auf die Liebe wie die der 60s-Girlgroups reiht sich Picture This in Poptraditionen ein, deren festen Griff es mit einem subtilen Twist karikiert. Im Punk führte sich die durch Glam eingeführte Bewusstmachung der Vergänglichkeit von Pop-Phänomenen fort, Picture This wendet dieses Prinzip auf die Kunstform des Liebesliedes und damit das Kernthema des Pop an, das seine verschiedenen Ausdrucksarten durch seine eigene Vergänglichkeit bezieht, während es einen Idealismus (den vom „happily ever after“-Pärchen) in den Fokus nimmt. Ständig muss sich dieses Ideal vor die Augen geführt werden, warum also nicht gleich bildlich und damit unvergänglich: „All I want is 20-20 vision / a noble portrait with no omissions / All I want is a vision of you“.

…vom Album Parallel Lines [1978]

03. Sunday Girl
Geschrieben von
Chris Stein haben Sunday Girls Zeilen wie „I got the blues / Please come see / what your loving means to me“ von Debbie Harry gesungen eine homoerotische Konnotation, die sich zwar leicht dadurch erklären lässt, dass die Inspiration des Stückes von einer entlaufenen Katze stammte, aber dennoch bewusst in Kauf genommen wird. Mit seiner eingängigen Melodie und Beat-Reminiszenz entstand so ein lesbischer Pop-Hit, der es sogar auf Platz 1 der UK-Charts schaffte, neun Jahre nachdem die Kinks mit dem Klassiker des queeren Pop-Songs, Lola, dort Platz 2 besetzten.

…vom Album Parallel Lines [1978]

02. Dreaming
Das Highlight der Eat to the Beat-LP von 1979, catchy as hell und vorangetrieben vom dominanten Schlagzeugspiel Clem Burkes. Dreaming setzt seinen Titel textlich schnell in die Tat um; nur die erste Strophe spielt in der Realität. Die Protagonistin des Songs trifft eine Person, die sie auf ein Date einladen will: „You asked me what’s my pleasure / A movie or a measure?“. Doch weder Kino noch Club sind es, was sie im Sinn hat. Sofort schweift sie gedanklich ab und erzählt von ihrem einzigen substanziellen Hobby, dem Träumen. Ihre Realitätsferne hat einen Beigeschmack von sozialer Abgeschiedenheit. Sie zeigt keine Verbindung zu ihrer Umgebung und identifiziert sich exklusiv mit ihren Träumen. Die sind umsonst und risikoarm, solange sie in ihrer fiktiven Umgebung bleiben. So verfällt sie dem Eskapismus völlig, der Traum selbst wird zum Ziel: „Imagine something of your very own / something you can have and hold / I’d build a road of gold / just to have some dreaming“.

…vom Album Eat to the Beat [1979]

01. X Offender
Der erste Track der ersten
Blondie-LP ist eine Power-Pop-Nummer, die musikalisch vom Drive der Drums von Clem Burke und der Orgel Jimmy Destris getragen wird. Darüber singt Debbie Harry über ihre Obsession von einem Mann, den sie eben erst getroffen hatte: „I saw you standing on the corner / You looked so big and fine“ beginnt das Intro die ungewöhnliche „Boy meets girl“-Story. Ungewöhnlich, weil es in der ersten Strophe so weiter geht: „You read me my rights / and then you said / ‚Let’s go‘ and nothing more“. X Offender handelt von einer Protistutierten, die dem Polizisten verfällt, der sie verhaftet. Es verlegt die dem Pop eigene Überdramatisierung von Emotionen in ein anrüchiges Umfeld, das Spiel mit der Machtdynamik innerhalb von Liebesbeziehungen wird verbunden mit dem Machtspiel der exekutiven Staatsgewalt. Zwar fühlt sich die Prostituierte genau von dieser Dominanz angezogen, doch in keinster Weise führt dies zu einer Änderung ihres Verhaltens. Der Song schließt mich den Zeilen „I think all the time / how I’m going to / perpetrate love with you / And when I get out / there’s no doubt / I’ll be sex offensive to you“.

…vom Album Blondie [1976]

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