Marina and the Diamonds – Electra Heart [2012]

Marina and the Diamonds – Electra Heart

9,0/102010 erscheint The Family Jewels, die Debüt-LP von Marina Diamandis, die sich Marina and the Diamonds nennt und erklärt, die „Diamonds“ seien keine Band, sondern ihre Fans. Das Album findet seine Hörerschaft in der Schnittmenge, in der sich Mainstream und Indie-Crowd treffen. The Family Jewels enthält Tracks, die catchy genug für eine breitere Masse sind und clever sowie ungewöhnlich genug für Pop-Hörer fern vom Formatradio. Textlich beschäftigt sich Diamandis darauf mit der ambivalenten Welt von Ruhm und Glamor. Sie drückt eine Sehnsucht danach aus, karikiert diese aber ebenso wie ihr Objekt. Ironisch ist das nicht: Die Obsession in einer Zeile wie „I’m obsessed with the mess that’s America“ aus Hollywood ist ebenso ernst gemeint wie die Tatsache, dass der „mess“-Part eine große Rolle innerhalb dieser einnimmt. Das gekonnte Spiel mit Faszination und kritischer Distanz machte Diamandis bereits hier zu einer der besten Songwriterinnen im gegenwärtigen Popgeschehen.

2012 veröffentlicht sie den Nachfolger. Electra Heart kommt in der Kritik schlechter weg; der Vorwurf wird hervorgebracht, Diamandis habe ihre scharfe Zunge verloren und würde nun oberflächlichen Mainstream-Pop machen. Doch der einzige Funken Wahrheit, der sich in dieser These finden lässt, liegt in der Beobachtung, dass Oberflächlichkeit eine große Rolle auf dem Album spielt. Dass die Kommerzphobiker anlässlich der Nähe zu gegenwärtigen Pop-Produktionen in den Charts rekapitulieren, ist wiederum ein vielsagendes Beispiel dafür, wie aktueller Popdiskurs an seiner eigenen Oberflächlichkeit zerbricht.

War die Marina von The Family Jewels noch direkt und damit „echt“ genug, ist Electra Heart ein bewusster Schritt weiter in Richtung Künstlichkeit. Den Sound des gegenwärtigen Mainstream-Pop nimmt sie an, um diesem Schritt Rechnung zu tragen, produziert wurde das Album von verschiedenen, zumeist amerikanischen (Diamandis selbst stammt aus Wales.) Erfolgsproduzenten wie Greg Kurstin oder Rick Nowels. „Pop basiert auf Illusionen, nicht auf Realität“, verkündet die Künstlerin im Interview, „My life is a play“ auf dem Albumtrack The State of Dreaming. Was dabei leicht übersehen werden kann: Electra Heart ist keine 180°-Wendung weg vom Debüt. Im Gegenteil: Es ist seine logische Weiterentwicklung. War The Family Jewels noch eine von Faszination durchzogene Reflexion, ist Electra Heart nun die praktische Umsetzung eben dieser. Und die scharfe Zunge hat es auch nicht verloren. Die ist nur besser versteckt – und damit schärfer.

Der Fake beginnt bereits im Konzept: Electra Heart ist nicht nur der Name des Albums sondern auch der der Kunstfigur, die Diamandis für das Album geschaffen hat. Der Vorname ist der Elektra der griechischen Mythologie entnommen, die mit ihrem Bruder Orestes den Mord an ihrem Vater durch die Ermordung von Mutter und Stiefvater rächte. Von den Rachegöttinnen verfolgt wurde daraufhin nur Orestes, nicht Elektra selbst. Diese Balance aus Schuld und Unschuld (schließlich blieb Elektra trotz offensichtlicher Mittäterschaft von göttlicher Strafe verschont) findet sich auch in Electra Heart wieder: Sie ist selbstbewusst, arrogant, aber auch naiv und unsicher, immer jedoch geltungsbedürftig. Vor allem aber erfüllt sie die wichtige Funktion, Diamandis ein künstlerisches Outlet zu geben, in dem sie emotionale und damit identifikationsstiftende Momente ebenso ausdrücken kann wie die Ambivalenz der Welt, in die sie sie eintauchen lässt. In der Inszenierung dieser Figur tritt die Künstlerin nicht mehr als bloße Beobachterin auf, sie steckt direkt in der Materie und spielt von innen mit ihrem Inhalt.

Electra Heart behandelt die klassischen Themen des Pop: Liebe(sschmerz), Identitätssuche. Was die Zielgruppe eines Pop-Albums eben so umtreibt. Diesen nähert es sich von einem Standpunkt aus, der Madonnas Material Girl ins Jahr 2012 versetzt: dem eines jungen Mädchens, das stets um sein Image besorgt ist, unabhängig sein möchte und doch den Erwartungen einer materialistischen Gesellschaft entsprechen. Die Sexualisierung der Popkultur, die heute dazu geführt hat, dass offenkundig sexuelle Charthits keinen Skandalfaktor mehr mit sich bringen, tut zur identifikatorischen Verwirrung ihr übriges. „I wanna be a virgin pure / a 21st century whore“, singt Diamandis in Teen Idle.

Den kleinen gemeinsamen Nenner der Poplyrik macht sie bereits im Opener Bubblegum Bitch aus: „Oh dear diary, I met a boy / He made my doll heart light up with joy / Oh dear diary, we fell apart / Welcome to the world of Electra Heart“. Doch dadurch, dass sie den gemeinsamen Nenner als Basis nimmt und nicht als Limit, öffnet sich die Tür zu subversivem Songwriting. Primadonna – produziert von Dr. Luke, von dessen Arbeit das Radio in Form zahlreicher Katy Perry-Hits zehrt – ist ein Song über das Verlangen nach Verehrung, der seiner Protagonistin Zeilen wie „I know I’ve got a big ego / I really don’t know why it’s such a big deal though“ in den Mund legt. Was Tracks wie diesen oder auch das brillante Homewrecker (über eine Herzensbrecherin aus Prinzip) allerdings von der Stumpfheit diverser Chartproduktionen unterscheidet, ist die Rafinesse, mit der sie weiterführende Gedanken unterschwellig mit sich tragen.

Weder als Primadonna noch als Homewrecker klingt Electra Heart wie ein Charakter um des Zelebrierens seiner bloßen Existenz willen (im Gegensatz zu, sagen wir, Katy Perrys California Gurls). „When you give, I want more“, stellt die Primadonna klar. Dieser Teufelskreis transportiert eine verborgene Tragik ebenso wie die für einen Charthit ungewöhnliche Entscheidung, die Beats in die Strophen und einen ruhigen, von Akustikgitarren unterlegten Part in den Refrain zu legen. Ihre Oberflächlichkeit nutzt sie als notwendiges Mittel auf dem Weg nach oben – und als Versteck vor dem, was unter ihr steckt. Wenn in Homewrecker verkündet wird „Every boyfriend is the one / until otherwise proven“ lässt sich diese Jurismusanspielung als Sarkasmus auf der einen (Die Love Interest ist in der Beweisschuld, um der Beziehung zu entkommen), als Grundmotiv für die Eigenarten des in den folgenden Zeilen beschriebenen Charakters auf der anderen (Die Verführerin bereits vergebener Partner sieht sich selbst als diese Prüfung) Seite lesen.

In beiden Fällen ist Electra Heart ein zwiespältiger Charakter, dessen Multidimensionalität über die komplette Spiellänge der LP auch in Diamandis’ wandlungsfähiger Gesangsperformance repräsentiert wird. Zwischen den Zeilen bietet das Album immer wieder solche Spitzen und Drehungen, die die Songs zu mehr machen als einfache, gut ins Ohr gehende, potentielle Radiohits. Nicht übersehen werden darf jedoch, dass ohne das Händchen für Melodieführung und griffige Hooks, das Diamandis und ihre Co-Autoren in ihren Songkompositionen beweisen, das Gesamtkonzept nicht aufgehen würde. Wer mit den Stilmitteln des Pop spielt, muss sie auch selbst verstanden haben. Selbst ohne den hier beschriebenen Unterbau würde Electra Heart zumindest als sehr gut komponierte Pop-Platte funktionieren.

In der Identitätssuche findet Electra Heart sein ergiebigstes Thema. Teen Idle ist die Ballade des jungen Erwachsenen, dessen Teen Angst darin besteht, nie welche gehabt zu haben. Starring Role verdichtet die popkulturelle Referenzialität des Albums, indem es sich metaphorisch beim Film bedient. Mehrmals greift es auf den Themenkomplex Ruhm und Glamor zurück; das Fass, das auf The Family Jewels geöffnet wurde und von dem auch die Debüt-LP Lady Gagas, The Fame, geprägt war. Doch wo Gaga den Ruhm umarmt und als kollektiven Spielplatz versteht, ist The Family Jewels eine Beobachtung aus der Distanz, wenn auch mit funkelnden Augen.

Electra Heart positioniert sich genau zwischen diesen beiden Polen. Was The Fame und Electra Heart vereint, ist, dass sie das Thema in das Zentrum ihrer Herangehensweise an Popkultur stellen, doch Electra Heart ist keine „Mama Monster“. Sie ist der Niemand, der nach oben will, weil ihm impliziert wird, dass er nach oben muss, und der vor nichts zurückschreckt, um dieses Ziel zu erreichen.  (Interessantes Paradoxon: Die Wolke, in die sie ihren Kopf steckt, ist ohne einen materiellen Realismus nicht denkbar.) Gleichzeitig wird ihr bewusst, dass diese vorgegebene Sehnsucht nach der Erfüllung eines Identitätsmodells nur bedingt im Einklang mit ihrer Persönlichkeit steht. In der Zeile „I would sell my sorry soul / if I could have it all“ schwingt jeder dieser Aspekte mit.

Die verschiedenen Fäden, die das Album im Hinsicht auf diese Frage an unterschiedlichen Stellen verfolgt, laufen schließlich im Closer zusammen. Fear and Loathing reflektiert Künstlichkeit und Realismus, beziehungsweise den eigenen Platz zwischen diesen Motiven. Die Grenzen zwischen den beiden Gegenpolen werden verwischt, ebenso wie die zwischen Persönlichkeit und Image. Es ist der Track der LP, der sich vom Chart-Pop am weitesten entfernt, Electra Heart kapituliert: „I want to feel like I am floating / instead of constantly exploding / in fear and loathing“. Die Anspielung auf Hunter S. Thompsons Roman à clef Fear and Loathing in Las Vegas: A Savage Journey to the Heart of the American Dream wird zur Konklusion des Albums und verdeutlicht einmal mehr, wie Diamandis die Ambivalenz speziell amerikanischer Popkultur zelebriert, worauf auch die Leitmotive Glamor, Individualität und Identität hindeuten.

So sehr sich Electra Heart auch im Spannungsfeld zwischen Indie-Reputation und Mainstream-Pop bewegt, so ist es doch in erster Linie ein Plädoyer für letzteren. Es ist so sehr Teil des Pop, wie es seine Tricks zwischen den Zeilen angreift, es umarmt und seziert ihn zugleich. Nicht nur löst Marina Diamandis das Versprechen ihres ersten Albums ein; sie zeigt den Appeal auf, den Pop auch mehrere Jahrzehnte nach seiner Initialzündung noch in sich trägt, und gibt ihm seine über weite Strecken abhanden gekommene Subversion zurück. Electra Heart ist nicht weniger als das beste Pop-Album seiner Generation.

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