David Bowie. 1947-2016

David Bowie

Als Lemmy starb, kam mir der Gedanke, dass wir uns langsam aber sicher in das Zeitalter begeben, in dem auch die nicht jung gestorbenen prägenden Figuren moderner Popkultur nach und nach von uns gehen werden. Direkt der nächste Gedanke, der folgte, war: „Immerhin leben Dylan, Bowie und McCartney noch.“

Well, shit.

Selbstverständlich ist dieser Gedanke untrennbar an Bowies Wirkungsgeschichte geknüpft. Eine niedrigere Position im Pop-Kanon als auf gleicher Ebene wie Bob Dylan und die Beatles kommt schlicht nicht in Frage. Bowie war der Künstler, der mehr als jeder andere, mehr sogar noch als Punk, das unvermeidbare Ende dessen, was Pop Mitte bis Ende der Sechziger bedeutete, überwand und seine nächste Ära einleitete, die er dann fortan auch weiterhin stilprägend begleitete.

Bowie begriff die Tatsache, dass, was heute subversiv ist, morgen überwunden sein wird, und begab sich nach (fast) jedem Album erneut auf die Suche nach seiner nächsten künstlerischen Identität („I don’t know where I am going from here“, hatte er gesagt, „but I promise it won’t be boring.“). Authentizität hatte versagt, das Zeitalter der Inszenierung war angebrochen, die Karten nicht nur neu gemischt, sondern um ein vielfaches an neuen Sets erweitert. Pop konnte nun zu seinem eigenen Gegenstand werden, die Figur, die ihn verkörpert und heute noch alles ist, kann morgen schon nichts sein, doch bis dahin gilt das Versprechen: We can be heroes, just for one day.

Und dieses „We“, das waren eben wir alle, auch und gerade die, deren Leben außerhalb der Norm stattfand. Von der enormen Bedeutung, die Bowie für die Kultur dessen hatte, was man heute gemeinhin die LGBT-Community nennt, brauchen wir gar nicht erst zu reden. Stephin Merritt, offen schwuler Kopf der Magnetic Fields, hatte gar einmal geschrieben: „David Bowie’s importance – at least in my life […] – is, in a way, more important than the entire gay rights movement.“

Man muss sich nur einmal vor Augen führen, was für unterschiedliche Künstler gleichermaßen Bowies Erbe weitertrugen. Joy Division benannten sich ursprünglich nach einem Bowie-Track (Warsaw, nach Warszawa), Lady Gaga berichtet, sie handle quasi stets nach der Maxime „What would Bowie do?“, Joey Ramone fand in ihm, als er noch ein gehänselter femininer Teenager war, endlich das Selbstbewusstsein, dass auch jemand wie er es zum Rockstar schaffen könnte, weder Blur noch Kate Bush oder die Pet Shop Boys sind ohne seine Vorarbeit denkbar. Man findet ihn im Art Rock ebenso wieder wie in Punk, Glam Metal und Chart-Pop. Die Liste an Künstlern, die Bowie NICHT auf irgendeine Weise etwas verdanken, ist wahrscheinlich die kürzere.

2013 veröffentlichte ich einen Essay zu Bowies damaligem Comeback-Album The Next Day, der vieles, was ich hier gerade mal angeschnitten habe, vertieft. Er schloss mit dem folgenden Absatz, den ich auch zu diesem traurigen Anlass für angemessen halte:

„‚Where are we now?‘ ist die Frage, die Bowie […] stellt und The Next Day gibt die Antwort. Wir sind immer noch irgendwo im Pop-Potpourri, das immer noch Affektträger und -erzeuger ist, aber doch nie zu den Sternen geführt hat. Doch auch wenn wir Ziggy Stardust damals auf dem letzten Track seines Album haben auf der Bühne sterben sehen und er uns nichts anderes als die Möglichkeit zur Selbstdemontage hinterließ, so ist die Vorstellung des Starman doch nie so ganz gestorben. And the stars are out tonight.“

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