Die Ärzte – Ist das noch Punkrock? [Single, 2012]

Die Ärzte – Ist das noch Punkrock?

8,0/10Das aktuelle Die Ärzte-Album auch ist eine verwirrende Angelegenheit, gerade für langjährige Anhänger (oder auch Ex-Anhänger) des Trios, das ruhigen Gewissens als eines der wenigen interessanten deutschen Pop-Phänomene mit Formatradio-Airplay bezeichnet werden kann. In erster Linie enthält es geradezu fahrlässig einfallslose Songs, die es in besseren Zeiten auf keine Single-B-Seite geschafft hätten. Doch es ist kein Album ohne Höhepunkte, denn in seinen guten Momenten trifft es genau den Nerv, der seit 1984 Teenager und seit 1993 Teenager sowie mehrere Generationen von Ex-Teenagern auf Konzerten der Herren Urlaub, Felsenheimer und Gonzalez (bzw. früher Runge oder Liebing) vereint. Nirgends tut es das so deutlich wie auf dem als dritte Single ausgekoppelten Opener Ist das noch Punkrock?.

Die Ärzte und den Punkrock verbindet eine innige Hassliebe. Der überstrapazierte Vorwurf vom Verrat der eigenen Ideale zugunsten von Ruhm und Reichtum jedoch ist schon alleine deswegen absurd, weil sie überhaupt nie eine „ernsthafte“ Punkband sein wollten, wie es sie Anfang der 80er nach den Vorbildern Slime oder Daily Terror zuhauf gab. Deren Tiraden gegen Staat, Polizei und Spießer kannten das Konzept „Spaß“ nur dann, wenn es um Alkohol ging und selbst der wurde mit biederer Humorlosigkeit gefeiert.

Auch in der Ärzte-Vorgängerband Soilent Grün wurde der Schrei nach mehr politischen Inhalten unter einigen Mitgliedern laut. Farin Urlaub und Bela B. Felsenheimer war das zuwider, also machten sie Schluss mit Soilent Grün und gründeten Die Ärzte bewusst als Popband – und waren damit näher an den Wurzeln des Punk, als es eine Band wie Daily Terror, die bereits für ihre erste EP einen Song mit dem Titel Popperverklopper aufnahmen, wahrhaben möchte. Sowohl die Ramones als auch die Sex Pistols schrieben klassische Popsongs. Und sie nahmen sich nicht sonderlich ernst. Zu ihren Einflüssen gehörten eben nicht nur The Stooges und MC5, sondern auch die frühen Beatles und Kinks, ja sogar die Bay City Rollers und die Ronettes. Die Ramones liebäugelten zudem mit schwarzem Humor und B-Movie-Kultur, die Pistols mit geradezu schelmischer Provokation und Unberechenbarkeit.

Am besten wird dieser Umstand von einer Band wie den – in ihrem Original Run atemberaubend guten – Buzzcocks verdeutlicht, die von 1977 bis ’79 einen grandiosen adoleszent-existentialistischen Pop-Hit mit Herzschmerz und oft auch sexueller Ambiguität nach dem nächsten auf die britischen Charts losließen. Und mit eben dieser Band verglich der (ebenfalls britische) NME, der anscheinend schon 1982 notorisch auf der Suche nach den „nächsten XY“ war, Die Ärzte, die er zu den nächsten Buzzcocks erklärte; ein Jahr, nachdem diese sich aufgelöst hatten. Das änderte jedoch nichts daran, dass Die Ärzte, als sie sich in besetzten Häusern auf die Bühne stellten, proklamierten, sie seien jetzt Popstars und Songs wie Teenager-Liebe oder Teddybär sangen, damit die deutsche Punkszene gehörig vor den Kopf stießen (und dabei für den einen oder anderen Eklat sorgten).

Die Ärzte sind also eine Band, die aus dem Punk kommt, aber gegründet wurde, um sich vom Punk, der zu ihrer Gründungszeit vorherrschte, zu distanzieren. Das ist herrlich paradox und vielleicht der Grundstein für einige der besten Momente der Band. Besonders seit ihrer Wiedervereinigung in den Neunzigerjahren spielen sie bewusst mit diesem Umstand. Am schönsten tun sie das auf dem Album 5, 6, 7, 8 – Bullenstaat!, auf dem auf 25 Songs in 22 Minuten so ziemlich jedes Klischee liebevoll verladen wird, das der Punk zu bieten hat. Am zweitschönsten wohl auf dieser Single, über die ich nun schon seit fünf Absätzen schreibe, ohne über sie geschrieben zu haben.

Fick dich und deine Schwestern / hast du dir tätowiert / No Future, das war gestern / Seitdem ist viel passiert“: Die ersten Zeilen haben quasi alles, was ein guter Ärzte-Song braucht. Sie sind obszön, aber clever. Sie folgen dem „Reim‘ dich oder ich fress‘ dich“-Schema (abgeguckt bei den Comedian Harmonists), beinhalten eine raffinierte Selbstreferenz und ein amüsantes Wortspiel. Man kann als 14-Jähriger darüber lachen und als 24-Jähriger wissend darüber schmunzeln. Mit der (bei den Kassierern geborgten?) Zeile „No Future, das war gestern“ wird außerdem bereits hier der schizophrene Zustand des Punk 36 Jahre nach seinem Urknall auf den Punkt gebracht: per Definition zukunftslos und doch in der Vergangenheit lebend.

Der Track ist gerade mit einer für heutige Ärzte-Verhältnisse ungewöhnlichen Nähe an den Punk losgeschossen, da schleicht sich schon ein Harmoniegesang heran, der mit dieser bricht und die Partnerin des Protagonisten vorstellt. Diese heißt Andrea und hat blaue Haare; ein Punkbackground wird also auch bei ihr nahegelegt. Das ist wichtig, denn hier geht es nicht um einen Ex-Punk, der für seine ohnehin schon bürgerlich geprägte Freundin bürgerlich wird. Es ist ein Punkpärchen, das zur Einheit verschmilzt und für sich selbst bürgerlich wird. Andrea ist die Traumfrau des Protagonisten, was dieser jedoch nie zugeben würde. Denn das Konzept der Traumfrau führt uns wieder zum liebesbesessenen Pop. Und dann kämen die Popperverklopper. Der Refrain nimmt dann das Tempo aus der Nummer und stellt die titelgebende Frage: „Ist das noch Punkrock / wie dein Herz schlägt, wenn sie dich küsst?“ – Eine wunderbare Popzeile, hin- und hergerissen zwischen den Jugendthemen Rebellion und Zärtlichkeit.

Die zweite Strophe stellt szenetypische Aktivitäten ihren für die Hauptfiguren neuen Alternativen gegenüber: „Dies Jahr am ersten Mai / besuchst du ihre Tante“ beziehungsweise „Seit es Andrea gibt, kommst du nicht mehr saufen / Ihr geht zu IKEA, um euch für die neue Bude eine Küche zu kaufen“. Der Schritt in die Bürgerlichkeit wird dann mit einem Ratschlag durch ihre Kritiker kontrastiert, der in seinem Kern selbst zutiefst bürgerlich ist: die Orientierung an einem vorgeschriebenen Modell, verkörpert durch Idole. Die Zeilen „Ich will euch nicht den Spaß verderben / aber musste Sid dafür sterben?“ respektive später „Ihr solltet euch immer fragen: / Was würde Stiv Bators sagen?“ haben einen geradezu religiösen Anklang: der Sex Pistols-Bassist und der Dead Boys-Sänger – beide ihren eigenen Mythos begünstigend frühzeitig verstorben – müssen als Heilsbringer herhalten. Womit wir beim Dogmatismus einer vermeintlich dogmatisch ungebundenen Subkultur wären.

Der große Geniestreich von Ist das noch Punkrock? liegt jedoch in der Auswahl der Hauptfiguren. Der Song handelt von einem Konflikt, der hauptsächlich für Jugendliche von Bedeutung ist. Er handelt von der Suche nach Anerkennung, von Coolness und Authentizität, dem Kampf zwischen dem Idealbild Subkultur und dem Feindbild Spießbürgerlichkeit sowie vom Erwachsenwerden. Denn der besungene (Ex-)Punk und seine Freundin sind eben keine Jugendlichen mehr. Trotzdem befinden sie sich in diesem Konflikt, weil er ihrer Szene inhärent ist. Gerade weil die Attitüde des Punk sich so wunderbar für den Ausdruck pubertärer Rebellionsfantasien eignet, schlug er 1977 so stark ein und findet er noch heute Anklang unter Teenagern. Und unter anderem weil Punk so gut ins Jugendzimmer passt, ist es nur ein Katzensprung zum Pop. Guter Pop wird selten für 30-Jährige geschrieben. Erst recht nicht, wenn er sich als Gegenkultur stilisiert. Das Berufsjugendlichentum, das den Ärzten* oft vorgeworfen wird, ist auch genau das, was sie in das Spannungsfeld zwischen („authentischem“) Punk und („inauthentischem“) Pop so gut eingliedert.

Aber ist das dann jetzt noch Punkrock? Vermutlich nicht. Aber was bedeutet das schon, wenn man nicht mehr 14 ist?

*Mir ist bewusst, dass die Band darauf Wert legt, dass ihr Name nicht grammatikalisch gebeugt wird. Aber aus dem Alter, in dem man jeden Scheiß, den die Drei von sich geben, mitmacht, bin ich dann doch raus.

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