Perfume Genius – Learning [2010]

„The love that dare not speak its name“ is beautiful, it is fine, it is the noblest form of affection. There is nothing unnatural about it. It is intellectual, and it repeatedly exists between an older and a younger man, when the older man has intellect, and the younger man has all the joy, hope and glamour of life before him. That it should be so, the world does not understand. The world mocks at it, and sometimes puts one in the pillory for it.
Oscar Wilde vor Gericht, 1895.

115 Jahre nachdem Oscar Wilde sich für das Betreiben von „Unzucht“  verantworten musste und mit seiner Verurteilung der Niedergang des Schriftstellers, dessen Werk im folgenden einen großen Einfluss gerade auch auf den Pop ausüben sollte, eingeleitet wurde, erscheint die Debüt-Single des jungen, schwulen Songwriters Mike Hadreas, der unter dem Alias Perfume Genius auftritt. Der autobiographische Text der A-Seite Mr. Peterson erzählt von einer Liebesaffäre zwischen Schüler und Lehrer, also einer Form von jener „love that dare not speak ist name“, die zu beschreiben Wilde damals vom Staatsanwalt aufgetragen wurde. (Der Begriff entstammt allerdings nicht einem Werk Wildes, sondern einem Gedicht seines Liebhabers, Alfred Douglas) Die von Wilde schon damals eingeforderte Anerkennung der Natürlichkeit (und zu einem gewissen Grad sogar Überlegenheit) dieses alternativen Beziehungsmodels ist auch im 21. Jahrhundert noch fernab ihrer Verwirklichung und auch die Geschichte des Mr. Peterson endet tragisch: mit dem Selbstmord der Titelfigur.

Homosexualität ist neben Adoleszenz eines von zwei Kernthemen des der Single folgenden ersten Longplayers von Perfume Genius, Learning. Beides steht in enger Verbindung zueinander. Der homosexuelle Unterton gibt dabei gerade den adoleszenten Themen einen deutlich bedrückenderen Subtext, als ihn die mit dem Heranwachsen einhergehenden Probleme für sich allein stehend hätten entwickeln können. Unterfüttert werden diese Inhalte von einer Isolierungsthematik, die sich – mal mehr, mal weniger subtil – durch die ganze Platte zieht.

Im Grunde genommen ist Learning eine Kurzgeschichtensammlung. Hadreas holt nicht weit aus, er verzichtet auf großes Ausschmücken. Stattdessen erzählt er. Im Opener und Titeltrack vom Depressiven, der nicht beachtet wird, mit Ausnahme des ebenfalls nach Aufmerksamkeit suchenden Erzählers („No one will answer your prayers / until you take off that dress / No one will hear your crying / until you take your last breath / And you will learn to mind me”), in Lookout, Lookout von der Kindsmörderin Mary Bell, die im Alter von zehn und elf Jahren zwei Morde beging („Mary Mary Bell with an uppercase M / all the neighbors know what your mother sells / but you carved out a name for yourself“ – Der aufmerksame Beobachter populärer Singer/Songwriter in den Nullerjahren fühlt sich hier an Sufjan StevensJohn Wayne Gacy Jr. erinnert), in Write to Your Brother von einer funktionsgestörten Familie, deren Mutter die Tochter wie den Partner behandelt, den sie nicht hat, und deren Sohn aus nicht weiter offengelegten Gründen im Krankenhaus liegt.

Verbunden werden diese Geschichten von einer Tragik, die aus der Einsamkeit und dem Unverständnis, mit denen ihre Figuren ringen, resultiert. Doch Hadreas nutzt sie nicht zum Overstatement. Stattdessen werden ihre Motive von der Klangästhetik des Albums unterstützt. Alle zehn Tracks sind sehr lo-fi gehalten, zuweilen klingt Hadreas’ Gesang, als würde er aus einem Diktiergerät abgespielt. So erhält die Platte einen Kellercharakter, der im Gegensatz zum Garagencharakter diverser Rock-Genres die Isolierung des Künstlers unterstreicht, statt aus ihr auszubrechen. Hadreas’ Stimme ist jungenhaft und in höheren Stimmlagen androgyn, beides steht im Einklang mit sowohl der adoleszenten als auch der homosexuellen Thematik des Albums. Sein zitternder Gesang transportiert die Melancholie der Stücke ebenso direkt wie die karge Instrumentierung, die keine Ablenkung von ihren Inhalten zulässt, dafür aber eine Charakterisierung der Arrangements als skizzenhaft.

Das tragende Instrument ist das Klavier, das in seiner spärlichen und hastigen Staccato-Spielweise einem initiierten Dilettantismus frönt. Sporadisch auftretende, ätherische Synthesizer kreieren in Kombination mit den in die Distanz gerückten Backing Vocals vor allem in den Interludes Gay Angels und No Problem eine trance-artige Atmosphäre, die an das Halb-Genre Chillwave erinnert, weshalb der Guardian auf die Idee kam, Perfume Genius als „Illwave“ zu bezeichnen. Der Kern dessen ist, dass der Künstler hier auf die nackte Erzählweise des Folk und die ausschmückenden Atmosphären des Chillwave-Vorvaters Ethereal Wave zurückgreift und ihnen einen LoFi-Anstrich gibt, womit er durch die Popularität verschiedener Folk- sowie Dream-Pop-Revival-Acts von den Fleet Foxes bis zu Beach House innerhalb und durch die Allgegenwärtigkeit des Bombast-Indie-Pops von Arcade Fire außerhalb aktueller Trends liegt.

Im Gesamten könnte Learning konsistenter sein. Nach dem grandiosen 4-Song-Run zu Beginn gibt es einen Einbruch in der Qualität des Songwritings und einen Abnutzeffekt der Stilistik des Albums, die mit diesem Einbruch einhergeht. Ihre größte Stärke verteilt die Platte jedoch über ihre gesamte 28-minütige Spieldauer. Immer wieder werden Wendungen in die Songs eingestreut, die ihren Inhalten einen neuen Dreh geben. Wenn Hadreas singt „No one will answer your prayer / until you take off that dress” kann mit dem „dress” auch eine Verkleidung gemeint sein. Durch die Doppeldeutigkeit wird aus der aussichtslosen Existenzkrise eine Kampfaufforderung ohne ermüdende Moralisierung, den schwulen Subtext sollte man hier nicht aus den Augen verlieren.

Auch Mr. Peterson ist kein tragischer Held mit eigentlich reiner Weste. Wenn Hadreas singt „He let me smoke weed in his truck / if I convinced him I loved him enough” wiederholt er das Wort „enough” danach in einer herabfallenden Stimmlage, die nahelegt, dass nicht jedes Detail der Liebesbeziehung auf beidseitigem Einverständnis beruhte. Doch natürlich ist der depressive Mr. Peterson („He made me a tape of Joy Division / He told me there was part of him missing“) nicht der Antagonist, sein Verhalten Ausdruck der eigenen Unsicherheit und Entfremdung von dem, was die Gesellschaft von einem Mann seines Standes erwartet. Der Ich-Erzähler des Stückes fühlt sich trotzdem zu ihm hingezogen, die unverklärte Realität  kann Oscar Wildes Ideal von der „noblest form of affection“ jedoch nicht gerecht werden. Mit der letzten Zeile „I know you were ready to go / I hope there’s room for you / up above or down below“ wird diese Zerrissenheit ebenso ausgedrückt wie die Inakzeptanz von Homosexualität in konservativ-christlich geprägten Weltanschauungen widergespiegelt. Diese greift Hadreas im Closer Never Did – wohl nicht zufällig auch auf der B-Seite der Mr. Peterson-Single zu finden – wieder auf: „It’s all in his hands / It’s all part of his plan / but I never asked for it“ Hier spricht nicht der erhobene Zeigefinger, sondern bloße Ohnmacht.

Mike Hadreas verschwendet keine Zeit damit, dem Hörer auszuformulieren, was er aus den Geschichten von Mr. Peterson oder Mary Bell zu lernen habe oder zu welcher Schlussfolgerung ihn selbst die Situationen in Never Did oder Learning gebracht haben. Der Diskurs, der seinen Geschichten folgt, wird vom Künstler offen gelassen. So entkommt Learning trotz seines zum Teil autobiographischen Gehalts und der ungefilterten Vortragsweise emotionaler Texte den Klischees des „persönlichen ehrlichen Albums“. Es lässt den Hörer aufgerüttelt aber ohne Antworten zurück. Den Rest muss dieser sich selbst ausmalen. „And [he] will learn to mind [it]“

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